Alle Wege führen (zurück) nach Luxemburg

Say Yes Dog sind zurück im kreativen Dauerbetrieb – und diesmal mit einer klaren Tendenz: weniger festgelegte Strukturen, mehr Offenheit im Prozess. Wir hatten einer unserer Headliner für das diesjährige Flow Festival im Interview.

Die Band um Aaron Ahrends (Gesang), Pascal Karier (Schlagzeug) und Paul Rundel (Bass) hat vor einigen Monaten wieder begonnen, regelmäßig im Studio zusammenzukommen und neue Songs zu entwickeln. Der Ansatz hat sich dabei spürbar verändert: Statt gezielt auf ein Album hinzuarbeiten, entstehen die Tracks Schritt für Schritt, aus Sessions, aus Jam-Momenten, aus dem Moment heraus.

„Wir sind gerade in so einer Phase, dass wir eigentlich mehr experimentieren wollen“, erzählt Aaron während unserem Videocall. Während des Interviews befindet sich das Trio im Studio in Berlin Kreuzberg. „Wir möchten uns freimachen von den herkömmlichen Arbeitsweisen – mehr ausprobieren, jammen und auf diese Weise Songs entstehen lassen.“

„Ich will nicht sagen, es soll ‘rave-iger’ werden – der Begriff gefällt mir nicht – aber einfach offener.“ – Aaron Ahrends

Diese Offenheit zieht sich inzwischen auch durch die Art, wie die Band über ihre Musik denkt. Es geht weniger um klare Formate oder feste Ziele, sondern um ein Arbeiten, das sich entwickeln darf – manchmal schnell, manchmal über längere Strecken hinweg. „Wir arbeiten nicht speziell auf ein Album hin, sondern es geht uns eher darum, neue Tracks zu produzieren und im Prozess zu sehen, wie es sich anfühlt. Der erste Release kommt bald, dann geht es nach und nach weiter – vielleicht entsteht bis zur Tour im Herbst eine EP oder auch mehr“, unterstreicht der Sänger der Band.

Mehr Raum im Sound, mehr Bewegung auf der Bühne

Mit der neuen Arbeitsweise verändert sich auch der Blick auf die Live-Umsetzung. Die Songs sollen künftig offener gedacht werden, mit mehr Raum für Entwicklung und längeren Passagen, die sich entfalten dürfen. „Wir wollen auch das ganze Live-Set ein bisschen in die Richtung bringen, dass wir längere Songteile haben, mehr laufen lassen und die Crowd mehr tanzen lassen. Ich will nicht sagen, es soll ‘rave-iger’ werden – der Begriff gefällt mir nicht – aber einfach offener.“

Copyright: Dominik Friess

Dabei bleibt der Kern der Band jedoch unangetastet. Auch wenn sich die Form verändert, bleibt der Wiedererkennungswert klar bestehen. „Man wird immer noch hören, dass wir das sind“, ergänzt Pascal. „Es wird schon nach uns klingen, und solange Aaron weiterhin singt, wird sich daran nichts ändern.“ Paul stimmt seinen Band-Kollegen zu. „Es gibt diese bestimmten Elemente, die immer da sind – Aarons Stimme mit dieser Melancholie, die Art, wie Pascal Schlagzeug spielt, der Bass, der Sound insgesamt. Das macht uns sehr erkennbar.“ Eins steht fest: Ihr Sound ist einzigartig und wird es weiterhin bleiben. Die Dreiköpfige Truppe hat sich über Jahre eingespielt und weiß, wo Say Yes Dog drinsteckt.

Gerade diese Klarheit in der Besetzung sei auch die Grundlage dafür, jetzt experimenteller zu werden, ohne sich zu verlieren. „Wir sind so eingespielt, dass wir uns auch erlauben können, Dinge einfach auszuprobieren“, meint Aaron. Die anderen beiden nicken zustimmend.

Zwischen Intuition und Kontrolle im Studio

Der aktuelle Prozess ist dabei bewusst direkter angelegt als in der Vergangenheit. Ideen entstehen schnell, werden getestet und im besten Fall nicht zu lange zerredet. „Im Endeffekt spüren wir gemeinsam, ob ein Song fertig ist oder nicht. Manchmal dauert das länger, manchmal geht es superschnell – der erste neue Song zum Beispiel war ziemlich fix fertig.“

„Man wird immer noch hören, dass wir das sind. Es wird schon nach uns klingen, und solange Aaron weiterhin singt, wird sich daran nichts ändern.“ – Pascal Karier

Gleichzeitig hat sich die Band in der Vergangenheit oft Zeit gelassen, manche Songs über Monate hinweg immer wieder überarbeitet. Genau davon will man nun teilweise abrücken.

„Wir hatten früher oft Songs, die wir sehr lange mit uns rumgetragen haben und immer wieder verändert haben. Diesmal versuchen wir eher, näher am ursprünglichen Gefühl zu bleiben und nicht alles zu überdenken.“ Dabei entsteht ein Spannungsfeld zwischen Experiment und Fokus – zwischen Lust am Ausprobieren und dem Versuch, sich nicht in Details zu verlieren.

„Natürlich mögen wir auch diese Produktionsdetails und können uns da verlieren. Aber manchmal ist genau das auch hinderlich“, erklärt Bassist Paul. Aber eigentlich seien sie sich meist schnell einig. „Es gibt selten Situationen, in denen jemand komplett aussteigt und sagt: ‚Das geht gar nicht‘“, erzählt Paul.

Eine Band, die sich selbst nicht im Weg steht

Diese Dynamik wirkt sich auch auf die Zusammenarbeit im Allgemeinen aus. Diskussionen gibt es zwar, aber sie verlaufen selten festgefahren. „Wir haben keinen großen Apparat hinter uns. Wir können sagen: Wir veröffentlichen das jetzt – oder morgen. Diese Freiheit ist schon ziemlich geil“, sagt Pascal. Entscheidungen können schnell getroffen werden, Releases müssen nicht durch lange Abstimmungsprozesse.

„Vielleicht liegt es auch an dieser Dreier-Konstellation, dass die anderen zwei den dritten oft relativ schnell überzeugen können – oder alle einfach offen genug sind, Dinge nicht zu sehr zu fixieren“, entgegnet Aaron. Die Band beschreibt ihre Struktur selbst mit einem gewissen Humor als funktionierendes System, das erstaunlich stabil bleibt.

Copyright: Dominik Friess

„Es ist ein bisschen wie eine Dreier-Ehe. Ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum es das nicht öfter gibt – das würde wahrscheinlich ziemlich gut funktionieren“, meint er, blickt zu seiner Linken und Rechten und alle drei lachen.

Luxemburg als Ausgangspunkt

Ein weiterer fixer Bezugspunkt bleibt Luxemburg – nicht nur durch Bandmitglied Pascal, der Luxemburger ist und immer wieder gerne in seine Heimat zurückkommt, sondern auch durch die frühen Erfahrungen der Band hier. „Wir haben dort unsere ersten wichtigen Shows gespielt. Das war für uns riesig. Luxemburg war von Anfang an sehr gut zu uns.“

Über die Jahre habe sich daraus eine besondere Beziehung entwickelt, die über reine Auftritte hinausgeht. „Selbst ohne direkte Verbindung für manche von uns hat es sich sehr schnell wie eine Art Bandheimat angefühlt.“

Besonders prägend waren dabei frühe Festival- und Clubshows, die den Startpunkt der Entwicklung markierten. „Wir erinnern uns immer gerne an das Festival Food for your Senses (d. Red.: Musik-Festival, letzte Edition wurde in 2019 organisiert) oder das Dqliq (d. Red.: frühere Bar in der städtischen Rue du St. Esprit, bevor für De Gudde Wëllen Platz gemacht wurde).“

Live zwischen Intimität und Energie

Wenn es um die Frage nach der idealen Spielgröße geht, zeigt sich die Band pragmatisch. Kleine Clubs und große Festivalbühnen haben jeweils ihre eigenen Qualitäten. „Kleine Clubs sind oft intensiver, man bekommt viel mehr direkt mit. Große Festivals können natürlich auch total stark sein, es ist eine andere Art von Energie.“

„Ich spiele dort auch noch mit einer anderen Band, CATT. Dass daraus dann gleich zwei Shows in Luxemburg werden, war natürlich eine super Nachricht.“ – Paul Rundel

Eine konkrete Idealgröße gibt es trotzdem – zumindest ungefähr. „So 400 bis 500 Leute ist schon sehr gut. Das fühlt sich doch noch persönlich an.“ Auch zum Publikum in Luxemburg äußert sich die Band differenziert. Der oft zitierte Eindruck eines zurückhaltenden Publikums wird relativiert. „Es dauert vielleicht manchmal etwas länger, bis die Leute reinkommen – aber das ist nicht nur in Luxemburg so.“ Am Ende sei entscheidend, wie präsent ein Publikum wirklich ist – nicht, wie laut es sich äußert. „Die Leute müssen nicht die ganze Zeit springen. Wenn sie zuhören und da sind, reicht das völlig“, meint Schlagzeuger Pascal.

Für den kommenden Auftritt beim Flow Festival steht für Say Yes Dog vor allem eines im Vordergrund: das Zusammenspiel im Moment. „Ich spiele dort auch noch mit einer anderen Band, CATT“, unterstreicht Paul. „Dass daraus dann gleich zwei Shows in Luxemburg werden, war natürlich eine super Nachricht.“ Was das Publikum konkret erwartet, lässt sich schwer vorwegnehmen – und genau das ist auch Teil des aktuellen Ansatzes der Band. Am Ende bleibt die Haltung jedoch klar und erstaunlich schlicht: „Wir müssen die Leute nicht bespaßen. Wenn es klickt, dann klickt es.“

Erlebt Say Yes Dog auf dem Flow Festival am Samstag, den 18. Juli 2026 um 22.30 Uhr.

Spotify
Instagram

You don't have permission to register